Kann es sein, dass ich eine Traumafolgestörung habe? So zeigen sich Traumafolgen im Alltag

Zwei Menschen halten sich an den Händen – Symbol für Sicherheit, Verbundenheit und Unterstützung bei Traumafolgestörungen.

«Tschüss, geniesse deinen Skiurlaub!», mit diesen Worten verabschiedest du deinen Partner, der mit seinen Kollegen ein paar Tage in die Berge fährt. Was du ihm aber nicht sagst ist, dass du dich bereits seit Tagen vor dem Alleinsein fürchtest. «Was, wenn ihm etwas zustösst? Oder er sich in Partylaune und unter Alkoholeinfluss in eine andere Frau verguckt?». Du weisst, du solltest nicht klammern, aber immer wieder tauchen sie auf, diese schrecklichen Verlustängste. Und gleichzeitig ist da diese Stimme in deinem Kopf, die sagt: „Reiss dich zusammen. Du bist doch erwachsen.“

Vielleicht kennst du solche oder ähnliche Momente und ärgerst dich, dass du diese Gedanken und Gefühle einfach nicht abstellen kannst. In solchen Augenblicken fühlst du dich fremd gesteuert, aber warum um Himmelswillen reagierst du so?

Inhaltsverzeichnis

Weshalb bin ich am Überreagieren?

Stell dir dein Nervensystem wie einen stillen Wächter vor, der im Hintergrund ununterbrochen überprüft, ob du gerade sicher bist. Dabei vergleicht er das, was du gerade erlebst, mit früheren Erfahrungen, die in deinem Körper und deinem Gedächtnis gespeichert sind. Wenn dein Nervensystem aufgrund der Datenlage beschliesst, dass du dich in Sicherheit befindest, stellt deine innere Ampel auf Grün und du bleibst ruhig und gelassen. Wird dein Nervensystem jedoch an eine Erfahrung erinnert, die es als unsicher oder sogar gefährlich einstuft, geht deine innere Ampel auf Rot und eine Stressreaktion wird eingeläutet. Dann kann es sein, dass du einen erhöhten Herzschlag wahrnimmst, ein flaues Gefühl in der Magengegend verspürst, du zu schwitzen beginnst und ängstlich oder wütend reagierst.

Manchmal reagierst du dabei stärker, als es die aktuelle Situation eigentlich erfordern würde, du bist am Überreagieren. Das liegt nicht daran, dass mit dir etwas nicht stimmt. Vielmehr «verwechselt» dein Nervensystem eine aktuelle Erfahrung mit einer alten Episode, weil es durch gewisse Signale an die Vergangenheit erinnert wird. Es schlägt Alarm, obwohl es im Hier und Heute nicht angebracht ist.  Oder anders ausgedrückt: Wenn dein Nervensystem deinen Chef mit deinem sehr autoritären Vater «verwechselt», reagiert es so, wie es damals bereits als Kind reagiert hat: Du fühlst dich vielleicht klein und ängstlich oder dich überkommt eine grosse innere Wut, auch wenn du unterdessen längst erwachsen bist.

Weshalb reagiere ich nicht, auch wenn ich gerne möchte?

Der oben beschriebene Chef, der deinen Beitrag in einem Meeting kritisch kommentiert, kann dich aber auch sprachlos zurücklassen. Du möchtest dich gerne für deinen Standpunkt einsetzen, aber du bleibst wie gelähmt und blockiert auf deinem Stuhl sitzen. Wenn dein Nervensystem eine Situation als unsicher einstuft, kann es neben der Kampf- oder Fluchtreaktion noch eine dritte Reaktion geben: die sogenannte Freeze-Reaktion (freeze = einfrieren).

In diesem Zustand fährt dein System gewissermaßen herunter. Du fühlst dich wie gelähmt, kannst schwer klar denken oder findest keine Worte mehr. Das passiert nicht, weil du „zu schwach“ bist oder etwas falsch machst, sondern weil dein Körper versucht, dich zu schützen.

Früher konnte es sinnvoll sein, in einer bedrohlichen Situation möglichst still zu werden und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Heute zeigt sich diese Reaktion zum Beispiel in Meetings, Gesprächen oder Konflikten, obwohl objektiv keine echte Gefahr besteht, und du empfindest sie als hinderlich.

Was hinter diesen Mustern stecken kann

Womöglich hast du dich beim Lesen an der einen oder anderen Stelle wiedererkannt. Vielleicht aber auch gedacht: „So schlimm war meine Kindheit doch gar nicht!“ Der springende Punkt ist, es braucht gar nicht ein «grosses Trauma», damit dein Nervensystem solche Muster entwickelt. Oft sind es die vielen kleinen wiederkehrenden Erfahrungen, die du als Kind gemacht hast und die dich geprägt haben. Situationen, in denen du dich unsicher, überfordert, alleingelassen oder nicht wirklich gesehen gefühlt hast. Nicht weil deine Eltern «böse» waren. Vielleicht waren sie mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, standen unter grossem Druck oder geprägt durch ihre eigene Kindheit gaben sie unbewusst ihre hinderlichen Muster weiter.

Vielleicht hast du deshalb gelernt, besonders wachsam zu sein, um mögliche Gefahren früh zu erkennen. Vielleicht hast du gelernt dich anzupassen, um Konflikte zu vermeiden. Oder du hast gelernt, dich zurückzuziehen, weil es sich sicherer angefühlt hat, möglichst wenig von dir zu zeigen. All diese Reaktionen sind keine Fehler. Es sind Schutzstrategien, die in deiner Kindheit dein Überleben gesichert haben. Das mag aus erwachsener Sicht etwas dramatisch klingen. Aus Kinderperspektive ist es jedoch überlebenswichtig, die Verbindung zu seinen Bezugspersonen nicht zu verlieren, da wir als Kind komplett abhängig sind. Unsere  Eltern (Bezugspersonen) bedeuten unsere Welt!

Wenn oben beschriebene Reaktionsmuster sehr ausgeprägt sind, spricht man von Traumafolgestörungen. Es handelt sich in diesem Fall um ein Entwicklungstrauma, welches vielen Menschen nicht so bekannt ist, wie das geläufigere Schock- oder Monotrauma (s.FAQ: Was ist ein Schock-oder Monotrauma?)

Wenn sich Traumafolgestörungen anders zeigen, als viele denken!

Im Alltag

  • das Gefühl, schnell überfordert zu sein

  • Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen

  • viel Grübeln oder innere Anspannung

  • ständig etwas tun müssen, nie zur Ruhe kommen

  • chronische Gefühle der Antriebslosigkeit

Emotionale Reaktionen

  • Gefühle kommen plötzlich sehr intensiv (z.B. Wut oder Angst)

  • oder Gefühle bleiben ganz aus

  • Stimmungsschwankungen ohne klaren Anlass

  • Depressive Episoden

  • Das Gefühl von tiefer Einsamkeit und Verlassenheit

Körperliche Signale

  • innere Unruhe oder Anspannung

  • körperliche Verspannungen, Schmerzen

  • Probleme beim Abschalten oder Schlafen

  • schnelle Erschöpfung

  • Antriebslosigkeit, chronische Müdigkeit

In beziehungen

  • Angst vor Nähe – und gleichzeitig Sehnsucht danach

  • Schwierigkeiten anderen zu vertrauen

  • Vieles auf sich beziehen (und sich schnell schuldig fühlen)

  • Angst, verlassen oder ersetzt zu werden

  • starkes Klammern oder Rückzug

Heisst das, ich habe eine Traumafolgestörung?

Es liegt nicht in meiner Kompetenz und ist auch nicht meine Aufgabe online eine Diagnose zu erstellen. Dafür sind Fachpersonen und fundierte Abklärungen notwendig. Vielleicht kannst du deinen Blick von einer möglichen Diagnose lösen und mehr in Richtung Nervensystem-Dynamik denken. Befindest du dich in deinem Alltag grösstenteils in einem regulierten Nervensystemzustand oder fühlst du dich oft in einer überregten oder untererregten Verfassung? s. FAQ Was sind Anzeichen eines dysregulierten Nervensystems?

Mittlerweile gibt es im Internet und in den sozialen Medien unzählige Übungen zur Regulation des Nervensystems, insbesondere der Vagusnervstimulation. Du kannst gerne dazu recherchieren, du wirst mit Sicherheit fündig. In diesem Zusammenhang möchte ich dich jedoch auf einen wichtigen Fallstrick hinweisen: Unser Nervensystem findet dann in einen regulierten Zustand, wenn es Signale der Sicherheit empfängt. Übungen, die den Vagusnerv aktivieren, können dabei äußerst hilfreich sein (FAQ: Was ist der Vagusnerv?). Entscheidend ist jedoch die innere Haltung, mit der du diese Übungen anwendest! Wenn du versuchst, unangenehme Symptome wie Stress, Angst oder Schuldgefühle möglichst schnell „wegzumachen“, sendest du deinem Nervensystem das Signal, dass Gefahr besteht. Dieses „Unbedingt-loswerden-Wollen“ entspricht einem Kampfmodus, während das Nicht-spüren-Wollen eher der Vermeidung, also der Flucht, zuzuordnen ist. Genau hier entsteht ein Paradox: Der Versuch, dich zu regulieren, kann unbewusst den Zustand verstärken, den du eigentlich verlassen möchtest – die Katze beisst sich in den Schwanz.

Was kannst du also tun?

Wenn du merkst, dass du in einem dysregulierten Nervenzustand bist, empfehle ich dir folgende Schritte:

  1. Gönne dir einen wohltuenden/ sanften Atemzug. Vielleicht dürfen es auch zwei sein?

  2. Lade dich ein, aus einer wohlwollenden Beobachterposition auf dich zu schauen.

  3. Frage dich: Was in mir braucht gerade Fürsorge (Zuwendung) anstatt Beseitigung?

  4. Wie könntest du dieser Fürsorge Ausdruck verleihen?

Selbstverständlich kannst du auch gerne eine Nervensystemregulation-Übung anwenden. Achte dabei sehr darauf, in welcher Haltung du dies tust. Willst du ein unangenehmes Gefühl beseitigen, damit du es los bist oder regulierst du dich bis zu dem Punkt, wo es dir gelingt, dich dir fürsorglich zuzuwenden? Das ist ein grosser Unterschied! Wenn du dir gerne weiterführende Informationen zu diesem Thema anhören möchtest, empfehle ich dir diesen Podcast von Verena König (oder als schriftliche Version.)

Woran du erkennen kannst, dass es sinnvoll ist, genauer hinzuschauen

Wenn du merkst, dass du dein Verhalten musterhaft wiederholst, ohne es beeinflussen zu können, empfehle ich dir, genauer hinzuschauen. Wenn dein Alltag oder deine Beziehungen unter deinem Verhalten leiden, lohnt es sich auch hier innezuhalten und sich zu reflektieren! Vielleicht dienen dir folgende Reflektionsfragen:

  • Bin ich am Leben oder eher am Überleben?

  • Erlebe ich mich als selbstwirksam oder übernimmt mein Unterbewusstsein oft das Steuer?

  • Habe ich eine Wahl, wie ich reagieren möchte oder mache ich im Affekt Dinge, die ich im Nachhinein bereue?

Wenn du merkst, dass du deinen Mustern ausgeliefert bist und dich nicht bewusst entscheiden kannst, wie du reagieren möchtest, empfehle ich dir professionelle Hilfe in Form einer Therapie oder eines traumasensiblen Coachings! Du musst nicht alles alleine schaffen! Ein kompetentes Gegenüber kann dir helfen Klarheit zu kriegen, dein Nervensystem zu regulieren (Coregulation) und dir Wege aufzeigen, wie du das Steuer in deinem Leben wieder selber in die Hand nehmen kannst.

Fazit: Heilung beginnt mit Verständnis

Wenn du manchmal im Alltag überreagierst oder dich ängstlich verzagt und blockiert fühlst, sind das keine Zeichen von Schwäche oder persönlichem Versagen. Vielmehr spiegeln diese Reaktionen die intelligente Schutzarbeit deines Nervensystems wider, das auf Grundlage früherer Erfahrungen versucht dich sicher durch dein Leben zu navigieren. Der Blick auf Traumafolgestörungen kann dabei helfen, dich besser zu verstehen und Zusammenhänge zu erkennen, ohne dich vorschnell zu diagnostizieren!

Indem du lernst dir mit Neugier und Mitgefühl zu begegnen und die Grundlage für echte Regulation zu schaffen, beginnst du immer mehr zu leben anstatt zu überleben. Wenn du merkst, dass du in deinen Mustern feststeckst, hol dir kompetente Hilfe, denn du musst nicht alles alleine schaffen!

Literatur zur Vertiefung

  • König, Verena: Bin ich traumatisiert? Wie wir die immer gleichen Problemschleifen verlassen. Kailash Verlag, 2023.

  • Charf, Dami: Auch alte Wunden können heilen. Wie Verletzungen aus der Kindheit unser Leben bestimmen und wie wir uns davon lösen können. Kösel-Verlag, 2018.

  • van der Kolk, Bessel: Verkörperter Schrecken. Traumaspuren in Gehirn, Geist und Körper und wie man sie heilen kann. G. P. Probst Verlag, 2015.

  • Rosenberg, Stanley: Der Selbstheilungsnerv. So bringt der Vagus-Nerv Psyche und Körper ins Gleichgewicht. VAK Verlag, 2017.

FAQ- Häufige Fragen und ihre Antworten

  • Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet Wunde. Diese kann sowohl psychischer wie physischer Natur sein. Verena König definiert seelisches Trauma in ihrem Buch Bin ich traumatisiert? (2021) mit folgenden Worten: “Ein traumatisches Erlebnis zeichnet sich dadurch aus, dass es die Bewältigung-und Verarbeitungsfähigkeit des Betroffenen übersteigt. Es hat eine solche Wucht und Intensität, dass der Betroffene davon überwältigt wird und Gefühle von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Lebensbedrohung erfährt.” Siehe auch Was ist ein Schocktrauma/Monotrauma und Was ist ein Entwicklungstrauma (sequenzielles Traum)?

  • Phänomen der Übererregung können sein:

    • innere Unruhe

    • das Gefühl des Getrieben-Seins

    • heftige z.T. überwältigende Emotionen, die nicht der Situation angemessen sind (z.B. Angst, Wut, Scham, etc.)

    • Schlafprobleme

    • Schreckhaftigkeit

    • Muskelverspannungen etc.

    Phänomene der Untererregung können sein:

    • Anhaltende Erschöpfung oder Energielosigkeit

    • Antriebslosigkeit

    • Gefühle von innerer Leere oder Taubheit

    • Rückzug von anderen Menschen

    • wenig Zugang zur eigenen Lebendigkeit etc.

  • Bei einem Schocktrauma oder Monotrauma wird durch ein einmaliges Ereignis die Bewältigungs-und Verarbeitungsfähigkeit des Betroffenen überstiegen. Das Ereignis hat eine solche Wucht und Intensität, dass der Betroffene davon überwältigt wird und Gefühle von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Lebensbedrohung erfährt. (In Anlehnung an Verena König: Bin ich traumatisiert? , 2021)

    Beispiele: Unfall, Gewalttat, Verlusterfahrung, medizinische Eingriffe, etc.

  • Hier finden wiederholt Traumatisierungen über einen längeren Zeitraum statt. Dies können auch sogenannte Mikrotraumata sein, die auf den ersten Blick nicht traumatisierend wirken, in der Summe der Wiederholungen aber schwere Prägungen oder Traumafolgen zur Folge haben können.

    Beispiele: Ereignisse, die wiederholt folgende Gefühle auslösen:  Angst, Demütigung, Scham besetzte Gefühle, Gefühle der Peinlichkeit und Empfindungen des Ausgeliefert- beziehungsweise Hilflos-Seins. (z.B. Mobbing, vor anderen bloss gestellt werden, häufige Kritik, emotionale Vernachlässigung, elterliche Zuwendung, die an Leistung geknüpft ist, etc.)

  • Eine Traumafolgestörung ist eine psychische oder körperliche Reaktion, die nach überwältigenden oder extrem belastenden Erfahrungen bestehen bleibt. “Eine traumatische Reaktion entsteht, wenn der Körper keine Meldung bekommen hat, dass das Ereignis vorüber ist und eine Normalisierung der Stressreaktion stattfinden kann.” (Dami Charf: Auch alte Wunden können heilen, 2020). Das Nervensystem betroffener Menschen befindet sich dadurch häufig nicht in einem regulierten, sondern in einem über- oder untererregten Zustand.

  • Der Vagusnerv ist ein zentraler Bestandteil unseres autonomen Nervensystems. Er verbindet das Gehirn mit vielen wichtigen Organen wie Herz, Lunge und Verdauungstrakt. Man kann ihn sich wie eine Art „Informationsautobahn“ vorstellen, über die ständig Signale zwischen Körper und Gehirn ausgetauscht werden.

    Wenn unser Nervensystem Sicherheit wahrnimmt, unterstützt der Vagusnerv Zustände von Ruhe, Verbundenheit und Erholung. Herzschlag und Atmung können sich beruhigen, wir fühlen uns präsenter und können leichter mit anderen Menschen in Kontakt treten.

    Deshalb zielen viele Übungen zur Nervensystemregulation darauf ab, dem Körper Signale von Sicherheit zu vermitteln und dadurch den Vagusnerv zu unterstützen. Wichtig ist dabei: Nicht die Übung selbst reguliert das Nervensystem, sondern die Erfahrung von Sicherheit, die durch die Übung entstehen kann.

    Unter Vagusnerv-Stimulation versteht man verschiedene sanfte Methoden, die darauf abzielen, den Vagusnerv zu aktivieren und damit das Nervensystem zu regulieren.

    Das Ziel ist nicht „Entspannung auf Knopfdruck“, sondern dem Körper zu helfen, wieder flexibler zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln. Übungen zur Vagusnervstimulation

Susanne Dittli-Clavadetscher ist traumasensible Coachin im Bereich Persönlichkeitsentwicklung. Sie begleitet Menschen ihre Ängste, Blockaden und Muster zu transformieren, um ihre Ziele und Träume zu verwirklichen. Ihre Arbeit folgt nicht standartisierten Programmen, sondern ist ganz auf die Bedürfnisse ihrer Kund*innen zugeschnitten. Einfühlsam holt sie jede Person dort ab, wo sie steht.

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